Pressespiegel 2005
Laura Kibel gewinnt Gauklerfest
Italienische Künstlerin begeistert Jury und Publikum mit "Theater mit den Füßen" - Finale bot Abwechslung und gutes Niveau
Mit einem Auftritt voll Witz und Poesie, gleichzeitig Ernsthaftigkeit und Kunstfertigkeit hat die Italienerin Laura Kibel die Jury des 14. Internationalen Gaukler- und Kleinkunstfestivals überzeugt: Die Artistin gewann mit ihrem "Theater mit den Füßen" das Finale des Fests am Wochenende. Auf den Plätzen folgten die Freiburger Jongleure von "Extra Art" sowie die australische Akrobatin Shirlee Sunflower. Sonderpreise gingen an das Duo Gi Jo und die Show "Heinz baut".
KOBLENZ. Laura Kibel fiel aus dem Rahmen. Bei all der kunterbunten Aufgeregtheit des Gauklerfest-Finales, bei den Obszönitäten und Stilbrüchen, den spektakulären Shows voller Knalleffekte und Musiküberraschungen nimmt sich Kibels Vorführung fast ein wenig unauffällig aus: Die Italienerin kommt ganz in Schwarz auf die Bühne, setzt sich - und beginnt, Theater zu spielen. Dass dabei ihre Beine die Hauptfiguren sind, ihre Füße zu Köpfen und Gesichtern werden, das passiert einfach so.
Die Jury des 14. Koblenzer Gauklerfests sprach sich schließlich recht eindeutig für Laura Kibel als Gewinnerin aus - vor allem mit der poetischen Tiefe, die ihre Final-show hatte, eroberte sie Herzen und Hirne der Juroren. Und auch das Publikum, zunächst gebannt lauschend, quittierte Kibels Auftritt mit begeistertem Applaus. Kibel ließ erst Engelchen und Teufelchen gegeneinander kämpfen - jede Figur durch einen ihrer Füße dargestellt, mit athletischen Leistungen im Sitzen und fantasievollen Kostümen zum Leben erweckt. Dann führte sie - mit ihrem rechten Knie als "Universalkopf" - alle Weltreligionen vor, bis sie bei der Papstwahl Joseph Ratzingers endete. Dies alles bewerkstelligte sie mit einer intelligenten Ernsthaftigkeit, die dennoch verträumt und unterhaltsam war.
Mit Parterre-Akrobatik der charmant-niedlichen Sorte begann das Duo "Extra-Art" aus Freiburg seinen Auftritt im Finale. Spätestens, als dann aber der Devil-Stick in einer wunderschön choreografierten Nummer zum Einsatz kam, wurde klar, dass das Strahlemann-Staunen-Grinsen nur Pose ist - Könner waren am Werk, was sich vor allem in der technisch und tänzerisch hervorragenden Keulenjonglage zeigte - ein wunderbarer zweiter Platz.
Shirlee Sunflower, die bereits einmal im Finale des Gauklerfests auftrat, startete als Letzte, eroberte aber schließlich den dritten Platz - mit einer schrillen Mischung aus Akrobatik und Comedy, bei der ihr drei Herren aus dem Publikum assistieren (müssen). Die Australierin wagt sich dabei, unentwegt das Geschehen kommentierend, in ordentliche Höhen hinauf, dass selbst die beteiligten Freiwilligen über ihre eigenen körperlichen Fähigkeiten staunen. Und das Publikum gleich mit.
Das Finale bot vor allem eines: Abwechslung. So hatte der Abend im wiederum packevollen Zelt mit der Trommel-Show "Trude träumt von Afrika" begonnen - einer exotischen Mischung aus Latino-Percussion und hanseatischem Hausmütterchen-Schnack. Gefeiert vom enthusiastischem Publikum absolvierte "Der unglaubliche Heinz" seinen kraftvollen, lustigen, musikalischen Stand-up-Auftritt, in dem er sogar das Holen der Gitarre vom Bühnenrand zur machohaft-erotischen Performance zelebriert. Das "Glas-Blas-Sing-Quintett" verblüffte mit dem exakten Spielen (beziehungsweise Pusten) etwa der Titelmelodie von "Mission Impossible" oder von "Viva Las Vegas" auf gefüllten Bierflaschen. Auch Plastik-Wasserflaschen dienten als Instrumente - mit ihnen schlugen sich die fünf Künstler den Rhythmus auf den Kopf. Komplettiert wurde der stimmungsvolle Abend von der Breakdance-Show von "Fette Moves" aus Karlsruhe, die einen völlig neuen Akzent im Gauklerfest-Finale setzten.
Dafür, dass am Ende die Hände vom Applaudieren weh taten, sorgten auch die beiden Sonderpreisträger. Das Duo Gi Jo präsentierte den akrobatischen Auftritt zweiter tanzender Schimpansen, die allerdings zeitgleich beide von einer Person dargestellt werden. "Heinz baut" haben die Besucher des Festivals am Samstag auf dem Jesuitenplatz erlebt, als Heinz einen Turm aus Stangen in die Höhe trieb.
Und schließlich drückte Moderator Kay Ray dem Finale seinen unvergleichlichen Stempel auf - frivol, frech, vulgär, das alles aber mit Witz und Charme. Dafür bekam er vom Förderverein Kultur im Café Hahn den "Goldenen Arsch mit Ohren", einen Förderpreis, überreicht. Und war, ob der Überraschung, für einen kurzen Moment sprachlos. Hätte man auch nicht gedacht, dass es das bei ihm gibt.
Tim Kosmetschke
Auf Abenteuer-Jagd beim Gauklerfest
Künstler boten aufregende Eindrücke auf den zehn Bühnen der Altstadt
Mit dem spektakulären Finale der besten Künstler ist am späten Sonntagabend das 14. Internationale Gaukler- und Kleinkunstfestival in der Altstadt zu Ende gegangen - da lagen ungefähr 22 Stunden schönster, buntester, schrillster Unterhaltung auf drei Tage verteilt hinter den Besuchern, den Organisatoren - und vor allem hinter den Künstlern, die aus aller Welt nach Koblenz gekommen waren, um das Publikum zu verzaubern. Auch Wetterkapriolen konnten das letztlich nicht verhindern.KOBLENZ. Treffen sich ein buckliger, mit Holz bepackter Waldschrat und ein futuristischer Hüne mit Zwei-Meter-Beinen und ebensolchen silbern glänzenden Schlaucharmen in der Unterführung am Rathaus. Was machen sie? Schauen sich kurz an - und gehen wieder auf spaßige Tuchfühlung mit den ebenfalls ins Trockene geflüchteten Gauklerfest-Besuchern: "Regen?", wollen die beiden Walk-Acts anscheinend sagen, "was interessiert uns der Regen? Wir gaukeln weiter."
Und die paar Tropfen waren schließlich auch schnell gefallen, die Schirme wieder weggepackt, die Kapuzen gelüftet, die Augen bald wieder auf eine der zehn Bühnen und Spielstätten quer durch die Altstadt gerichtet: Es gab auch zu viel zu erleben am Wochen-
ende, um mehr oder minder sinnlos in Unterführungen zu stehen und auf vorbeigaukelnde Walk-Acts zu warten. Initiative und Wadenmuskulatur waren ebenso gefragt wie Neugierde beim Gauklerfest. Besucher mussten, wollten sie möglichst viel erleben, relativ viel laufen.
Also hinein in die Hatz vom Jesuitenplatz, wo gerade "Der unglaubliche Heinz" seinen machohaften und doch poetischen Sex-Appeal ausstellt, zum Görresplatz, wo es dann akrobatischen Breakdance mit "Fette Moves" aus Karlsruhe zu erleben gibt und weiter hinten die "Traummanege" geöffnet hat. Schnell weiter über Jesuitenplatz (mittlerweile erklingt dort ein Musik-Spektakel mit Bob Kerr und seiner Whoopee-Band) zum Plan, wo Arthur Sensationelles mit seinem kleinen Fiat 500 veranstaltet. Auch dort bleibt wenig Zeit, es geht über die Liebfrauenkirche (das charmante Jonglage-Duo "Extra Art" sorgt für Staunen) zum Münzplatz, wo gerade zwei Schimpansen Tango tanzen - das Duo Gi Jo schafft derlei Verrenkungen spielend - ein lustiger und kunstvoller Genuss.
Im ähnlichen Tempo geht das noch zwei, drei Stunden weiter. Da wird zugeschaut, wie Shirlee Sunflower auf zwei Zuschauern herumturnt, wie Laura Kibel Puppentheater spielt, wobei ihre Füße zu Gesichtern der Figuren werden. Wird gelacht bei der Musik-Comedy von Michael Krebs und gestaunt bei den Paar-Jonglagen des "duett complett". Und dann sollte man langsam mal durchschnaufen - zum Beispiel bei den Abendshows auf der Zeltbühne am Görres-Schulhof.
Man sollte noch Hunderte Artisten und Akrobaten erwähnen. Man muss allerdings The Pops nennen, die selbst ernannten polnischen Erfinder der Popmusik, die am Samstagabend mit ihrer musikalischen Comedy-Show, bei der etwa aus "Cheri Cheri Lady" von Modern Talking eine Chili-Peppers-Cross-over-Hymne wird, dermaßen abräumten, dass selbst Kult-Moderator Kay Ray im schrillen Kölnisch-Wasser-Mini-Outfit baff war.
Am Sonntag ging die Jagd nach Eindrücken und Abenteuern dann weiter - und endete erst mit dem Schlussapplaus des Finales. (tim)

